„Man solle ihme den Galgen geben!“


Lebensbedrohliche Epidemien und damit verbundene Vorsichtsmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen waren auch unseren Vorfahren nicht fremd. Für das alte Kleinostheim bzw. Ossenheim, wie es bis in den 30jährigen Krieg noch hieß, sind allerdings nur sehr wenige direkte, streiflichtartige Zeugnisse überliefert. Um welche Krankheiten es sich im Einzelnen gehandelt hat, muss dabei offenbleiben, auch wenn die Pest eine größere und tödliche Rolle gespielt haben muss.

Am 9. Dezember 1598 (StAA 6196) bleibt der Dettinger Schöffe Peter Erbacher der stiftischen Hubgerichtssitzung in Ossenheim fern, wird aber entschuldigt „…dieweil es aus Ursachen eingerissenen boesen Luffts geschehe…“ Man geht also davon aus, dass die Seuche durch die Luft übertragen wird. In derselben Sitzung wird Peter Grimm von Ciriax Hauck heftig angegangen, da dieser seinen Schwager nach Ossenheim geholt hätte, dem „…kurhz zuvor Weib unnd Kindt (an der) Peste gestorben, und also Grim widder der Obrigkeitt Gebott gehandlet indeme er seinen Schwager auffgenommen und der Zeitt zu Haus gehabt und behaltten, nachdeme er dem Sterben endtflohen…“ Hauck fordert sogar: „Man solle ihme den Galgen geben!“ Die Aufnahme von potentiell mit der Seuche bzw. Pest infizierten war demnach zu dieser Zeit von Obrigkeitswegen verboten. Am Rande sei gesagt: Nicht allein, dass dieser hereingebrachte Fremde die Dorfbewohner durch eine mögliche Infektiosität gefährdete, nein, er fiel zugleich auch negativ dadurch auf, dass er den Peter Emge bei einem nächtlichen Nachhauseweg aus Aschaffenburg vor dem Dorf mit dem Degengefäß ins Gesicht schlug. Der Name dieses problematischen Schwagers wird im Protokoll allerdings leider nicht vermerkt und er bleibt im Dunkel der Geschichte.

Im Angesicht unserer gegenwärtigen, nun bald zwei Jahre andauernden Corona-Pandemie, erscheinen uns diese Zeugnisse einer doch sehr fernen Zeit sonderbar nah. Von Impfstoffen konnte man damals allerdings nur träumen. Viele Krankheiten, gegen die wir heute ein Mittel haben, verbreiteten noch vor 100 Jahren in unserem Dorf Angst und Schrecken.

(Dr. Robert Fecher, 1. Vs. des HGV)